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Ort geschichtlicher Begegnungen

Verdi blickte in das Lippstädter Stadtarchiv

Das Outfit war von Dr. Claudia Becker schon passend gewählt worden: Einen grauen Kittel und weiße Handschuhe aus Baumwolle hatte die Chefin des Lippstädter Stadtarchivs angelegt, um einer Senioren-Gruppe aus der Vereinigten Dienstleitungsgewerkschaft (ver.di) in fachgemäßer Aufmachung die städtische Einrichtung für die Aufbewahrung von wertvollen Schriftgut präsentieren zu können. Unter den Gewerkschaftlern befanden sich auch einige Mitglieder aus dem Lippstädter SPD-Ortsverein.

Behutsamer Umgang mit dem Schriftgut:Diese Vorgehensweise mit einer Urkunde zur Stadtgründung zeigte die Leiterin des Stadtarchivs, Dr. Claudia Becker, einer Besuchergruppe der Verdi-Senioren. Die weißen Baumwollhandschuhe sind dafür ein unerlässliches Ausstattungsstück der vier Mitarbeiterinnen im Alten Steinwerk.

Kommunale Pflichtaufgabe

Wer allerdings von den Gewerkschaftlern unter Leitung ihrer stellvertretenden Vorsitzenden Renate Kuttig geglaubt hatte, bei dem Haus in der Soeststraße handele es sich um eine freiwillige Obliegenheit der Lippstädter Kulturpflege, wurde jedoch von Claudia Becker überrascht: Denn die Unterhaltung des Stadtarchivs ist eine kommunale Pflichtaufgabe, wie sie vom Land Nordrhein-Westfalen im Archivgesetz vorgegeben worden ist. Gleichwohl versteht sich das seit 1976 von einer hauptamtlichen Kraft geleitete Archiv der Stadt Lippstadt als Ort geschichtlicher Begegnungen. Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger können das 1,6 Kilometer umfassende Archivgut einsehen, sofern nicht datenschutzrechtliche Bestimmungen entgegenstehen, und die Präsenzbibliothek mit ihren rund 10.000 Bänden nutzen. Die wesentliche Aufgabe der von ihr geleiteten Einrichtung bestehe darin, so Dr. Becker, historisch bedeutsames Schriftgut aus der Tätigkeit von Rat und Verwaltung zu übernehmen. Allein schon aus Platzgründen könne nur ein Querschnitt der von den 800 Bediensteten der Stadt Lippstadt produzierten Papiere im Gebäude in der westlichen Altstadt gelagert werden. „Was übernommen wird, entscheiden wir“, bemerkte die Archivleiterin mit Blick auf den zu treffenden Ausleseprozess. Dazu führte sie auch einige Beispiele an: Interessant seien für die Aufbewahrung Dossiers über die Anschaffung eines Dienstautos im Jahr 1906 oder Belege zur Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in den 1980er Jahren.

90.000 Bilder neu ordnen

Zum Aufgabenspektrum des Archivs gehören neben der Erforschung der Stadtgeschichte und der Betreuung der Besucherinnen und Besucher auch die Pflege von Publikationen zur Stadtgeschichte, die Beratung bei der Erstellung von Jubiläumsschriften und Facharbeiten, Veranstaltungen von Vorträgen und kleineren Ausstellungen. Viele Bürgerinnen und Bürger würden die umfangreiche Sammlung von Zeitungsbänden, die sich in der Soeststraße auf Mikrofilmen und -fischen befinden, nutzen, um sich zu besonderen Geburtstagen von Verwandten, Nachbarn und Bekannten einen Nachdruck einer alten Druckschrift für ein reizvolles Geschenk erstellen zu lassen. In den mit vielen Details aus dem Alltagsleben des Lippstädter Stadtarchivs gespickten Erläuterungen berichtete Claudia Becker auch über die Schwierigkeiten, denen sich das derzeit vier Damen umfassende Personal für eine bestmögliche Obhut der überlassenen Materialien ausgesetzt sieht. „Wir müssen genau aufpassen, dass die Räume nicht zu feucht sind, um Schimmel oder ähnliche Begleiterscheinungen zu vermeiden.“ Das betreffe auch den reichlichen Bestand von gut 90.000 Fotos aus dem Fundus des verstorbenen Lippstädter Journalisten Walter Nies, die gegenwärtig in einem mühesamen Verfahren neu geordnet würden. „Am haltbarsten ist immer noch Pergamentpapier“, was die promovierte Archivarin der Besuchergruppe an einer alten Urkunde zum Stadtrecht von Lippstadt demonstrierte. Dieses historische Schriftstück werde ab Ende Juli für drei Monate auch in Paderborn in der Ausstellung „Credo“ zur Christianisierung Europas im Mittelalter zu betrachten sein.

Hans Zaremba

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